Der
Marokkanische Sportverein Bonn will die Jugendlichen im Tannenbusch
„von der Straße holen“. A-Jugend trägt stolz die
neuen SWB-Trikots
Wie nur wenige andere
Fußballclubs in Bonn und der Region hat sich der Marokkanische
Sportverein (MSV) die Integration benachteiligter Jugendlicher auf die
Fahnen geschrieben. Der MSV Bonn ist in Tannenbusch beheimatet –
und damit in einem klassischen Problemviertel, sagt MSV-Jugendwart
Oualid Hamza. Deshalb gerät das SWB-Gespräch über die zu
portraitierende A-Jugend-Mannschaft zu einem grundsätzlichen
Dialog über schwierige Startbedingungen für Jugendliche im
Tannenbusch, überforderte Eltern und einen finanziell nicht auf
Rosen gebetteten Verein, der Hilfe zur Selbsthilfe geben möchte.
A-Jugend-Trainer Abdel
Harmach ist einer der Ehrenamtlichen, die sich in ihrer Freizeit
für den MSV einsetzen: „Was wir vorhaben, ist die Jungs von
der Straße zu holen. Wir wollen ihnen helfen und ihnen eine
Perspektive geben.“ Wenn sie Probleme haben, wollen Harmach und
sein Betreuerkollege Raschid Chamlali ihren Schützlingen unter die
Arme greifen, zum Beispiel bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Zudem gehe es darum, den talentierten Fußballern aus dem
Tannenbusch jene Tugenden beizubringen, die sie im Elternhaus nicht
lernten. „Es geht darum“, so Harmach, „den Jungen
Respekt beizubringen.“
Trainer Harmach und
Jugendleiter Hamza sind der Jury von SWB Energie und Wasser und
General-Anzeiger sehr dankbar, dass sie die A-Jugend-Trikots bekommen
haben. „Wir sind für jede Unterstützung dankbar“,
sagt Hamza. Das größte Problem im Jugendbereich sei nun mal
die Ausstattung. Die A-Jugend etwa hatte vor der Auswahl durch die Jury
überhaupt keine Trikots. Die C-Jugend spielt im neuen Dress nur
dank „Reiner’s Fahrschule“ aus Tannenbusch.
Harmach sagt:
„Wir entlasten vor allem die Eltern. Die kommen nicht mit ihren
Kindern klar und haben auch kein Geld, uns zu unterstützen.“
Und Hamza ergänzt: „Manchmal hat man Familien, bei denen am
Ende des Monats nichts übrig bleibt.“ Wenn
Mitgliederbeiträge ausbleiben, seien die Ehrenamtlichen umso mehr
gefordert, sagt Harmach. „Es gibt Trainer, die häufig in die
eigene Tasche greifen.“ Sie bezahlen Schiedsrichtergeld,
Getränke für die Halbzeitpause und Benzingeld. Laut Hamza
bemühe sich der MSV Bonn derzeit bei der Stadt darum, einen
ausrangierten Bus zu bekommen, um die Jugendlichen gemeinsam zu den
Auswärtsspielen zu bringen.
Neuen Zulauf erhofft
sich der Jugendwart durch den neuen Kunstrasenplatz, der am heutigen 7.
Mai offiziell eröffnet werden soll. Der Verein plane, eine D-,
eine E- und eine F-Jugend einzurichten. „Eine B-Jugend ist schon
vorhanden, die wird zur neuen Saison auf jeden Fall gemeldet.“
Wenn Hamza darauf
angesprochen wird, warum viele Jugendliche im Tannenbusch nur Unsinn im
Kopf hätten, reagiert der Jugendwart ungehalten. „Dann sage
ich: Gib mir was, damit ich die Jungs von der Straße holen
kann.“ Von nur 50 Euro könne der Verein schon fünf
Bälle kaufen – und fünf Jugendliche beim Training
beschäftigen. Hamza betrachtet den MSV als zusätzliche
Anlaufstelle für die Jugendlichen, als Sozialstation und eine Art
sportliche Erziehungseinrichtung. „Wenn sich von zehn Kindern
später acht oder neun in die Gesellschaft eingliedern, dann kann
ich behaupten: Ich war erfolgreich.“
Hamza hofft
natürlich, dass die Stadtwerke den MSV bei der nächsten Runde
von „Immer am Ball“ erneut berücksichtigen. Denn eine
weitergehende Unterstützung wäre für ihn gleichbedeutend
mit der Ausstattung eines weiteren Teams. „Zum Beispiel der
B-Jugend.“
Fragt man Hamza, warum
er sich für den MSV einsetzt, sagt er: „Jedes Kind verdient
eine Chance.“ Gerade wenn die Ausgangsbedingungen schwieriger
seien als anderswo, müsse die Gemeinschaft helfen. Für ihn
käme es jedenfalls nicht in Frage, sich einen anderen Verein in
einem anderen Viertel zu suchen, das bessere Voraussetzungen böte.
„Das wäre so, als wenn ich ein Lehrer wäre, der ein
Kind in der Klasse hat, das schwer von Begriff ist, und ich würde
ihm sagen: Wir alle gehen weiter, und du bleibst sitzen.“